WEIL LIEBE BLEIBT

Kategorie TRAUERZEIT | Lesezeit ca. 12 Min

Suizidrisiko bei Tierärzten: Wenn Helfende selbst Hilfe brauchen

Was Caregiver Burden und Burden Transfer mit psychischer Gesundheit zu tun haben

Du kannst fachlich hervorragend ausgebildet sein, Entscheidungen treffen, Notfälle versorgen und Menschen durch den schlimmsten Moment mit ihrem Tier begleiten. Und trotzdem kann irgendwann ein Punkt kommen, an dem das, was du jeden Tag auffängst, selbst zu schwer wird.

„Ich kann nicht mehr.“

Diesen Titel gab die tagesschau.de am 24. August 2026 einem Beitrag über die psychische Belastung von Tierärzt:innen. Eine Tierärztin berichtet darin von fünf Kolleginnen und Kollegen, die sie im Laufe ihres Berufslebens durch Suizid verloren hat. Beschrieben werden lange Arbeitstage, Notdienste, Personalmangel, wirtschaftlicher Druck, schwierige Gespräche und die ständige Nähe zu Krankheit, Leid, Euthanasie und Tod.

Sie ist damit kein Einzelfall. Viele Tierärzt:innen kennen Kolleg:innen oder ehemalige Studienfreund:innen, die ihren Beruf irgendwann an den Nagel gehängt haben, weil sie dem täglichen Druck nicht mehr standhalten konnten. Manche haben die Praxis verlassen, manche die Branche gewechselt, manche sind psychisch schwer erkrankt. Und auch außerhalb der Tiermedizin zeigt sich ein ähnliches Bild: Menschen in Tierberufen arbeiten häufig mit hoher Verantwortung, emotionaler Nähe und einem Anspruch an sich selbst, der auf Dauer enorm viel Kraft kosten kann.

Genau deshalb braucht dieses Thema mehr Sichtbarkeit. Nicht, weil Tierärzt:innen erklärt werden müsste, wie belastend ihr Beruf sein kann – das wissen sie selbst am besten. Sondern weil diese Belastung gesehen, benannt und ernst genommen werden muss. Dieser Artikel möchte genau darauf ein Spotlight richten: auf das, was im Praxisalltag oft selbstverständlich mitgetragen wird, obwohl es alles andere als selbstverständlich ist.

Worum es geht

Die psychische Belastung in der Tiermedizin entsteht aus vielen Faktoren. Einer davon zeigt sich dort, wo medizinische Verantwortung auf die Angst, Hilflosigkeit und Trauer von Tierhalter:innen trifft. Gerade in schweren Krankheitsverläufen, palliativen Situationen und rund um Euthanasiegespräche entsteht dabei eine besondere Dynamik: Die emotionale Belastung der Tierhalter:innen bleibt nicht immer auf ihrer Seite des Behandlungstisches.

In der Forschung wird dieser Prozess als Burden Transfer beschrieben.

Für den Praxisalltag ist das deshalb relevant, weil belastende Gespräche nicht nur Zeit kosten. Sie können emotional nachwirken, Grenzen verschieben und dazu führen, dass einzelne Situationen noch lange nach Feierabend mitgenommen werden.

Dieser Artikel richtet den Blick genau auf diese Schnittstelle: Wie lässt sich Burden Transfer früh erkennen? Welche Gesprächsführung entlastet, ohne Verantwortung abzugeben? Und welche Strukturen helfen dabei, Tierhalter:innen gut zu begleiten, ohne dass die emotionale Last dauerhaft beim Praxisteam bleibt?

Die Zahlen dürfen uns nicht egal sein

Eine deutsche Studie mit 3.118 Tierärzt:innen aus dem Jahr 2020 zeigt, wie ernst die psychische Belastung in der Veterinärmedizin ist. Auch wenn die Veröffentlichung inzwischen einige Jahre zurückliegt, hat das Thema nichts an Aktualität verloren: 2024 wurden dieselben Studiendaten erneut ausgewertet, diesmal mit Blick auf berufliche Risikofaktoren. 

Besonders relevant waren dabei hohes Overcommitment und geringe erlebte Belohnung. Overcommitment beschreibt eine übermäßige berufliche Verausgabungsbereitschaft – dieses tiefe Gefühl, verantwortlich zu sein, weitermachen zu müssen und vielleicht noch ein bisschen mehr leisten zu können.

Ebenfalls mit psychischer Belastung verbunden waren Burnout, das Verbergen eigener Emotionen und Gedanken daran, den Beruf zu verlassen.

19,2 Prozent der Befragten berichteten aktuelle Suizidgedanken. In der Vergleichsgruppe aus der Allgemeinbevölkerung waren es 5,7 Prozent. Rund 32 Prozent der Tierärzt:innen wurden mithilfe eines Screening-Instruments einer Gruppe mit erhöhtem Suizidrisiko zugeordnet, gegenüber knapp sieben Prozent in der Vergleichsbevölkerung. Auch depressive Symptome waren deutlich häufiger.

Und genau das sollte uns hellhörig machen. Denn Verantwortung, Einsatz und Mitgefühl sind Eigenschaften, die wir in Tierberufen brauchen.

Aber sie brauchen Grenzen.

Wichtig zu wissen

In Großbritannien gehört Suizidprävention inzwischen zum Praxisstandard

Dass die psychische Belastung in der Tiermedizin kein ausschließlich deutsches Phänomen ist, zeigt der Blick ins Ausland. US-amerikanische Untersuchungen tatsächlicher Todesfälle fanden bei Tierärzt eine erhöhte Suizidsterblichkeit gegenüber der Allgemeinbevölkerung – bei Männern etwa 1,6-fach, bei Frauen 2,4-fach.

Großbritannien geht inzwischen noch einen Schritt weiter: Seit 1. April 2026 gehört ein praxisbezogener Suizidpräventionsplan zu den Standards des Royal College of Veterinary Surgeons. Tiermedizinische Arbeitsplätze sollen Risiken nicht erst dann thematisieren, wenn jemand bereits in einer Krise steckt, sondern präventiv Strukturen schaffen – etwa mit Blick auf Arbeitsbelastung, psychologische Sicherheit, Alleinarbeit und den Zugang zu potenziell gefährlichen Mitteln.

Das ist ein bemerkenswerter Perspektivwechsel: Psychische Gesundheit wird damit nicht allein zur Verantwortung der einzelnen Fachkraft erklärt, sondern auch als Aufgabe des tiermedizinischen Arbeitsplatzes verstanden.

Wenn die Belastung des Tierhalters beim Tierarzt landet

Ein Mensch, dessen Tier schwer krank ist, kann selbst in einen Ausnahmezustand geraten. Er schläft kaum noch, beobachtet jedes Symptom. Hat Angst vor der nächsten Verschlechterung. Er muss Medikamente organisieren, Kosten tragen und möglicherweise eine Entscheidung treffen, die er niemals treffen wollte.

Das nennt man Caregiver Burden. Es ist die Belastung, die mit der Versorgung eines kranken Lebewesens entstehen kann. Und natürlich bringen Menschen diese Belastung (ihre Ängste, Tränen, Rückfragen, aber auch Vorwürfe und Wut) mit in die Praxis.

Burden Transfer beschreibt, wie belastende Interaktionen mit hoch beanspruchten Tierhalter:innen wiederum Stress beim tiermedizinischen Personal erzeugen können. In Untersuchungen waren solche Interaktionen mit Stress und Burnout bei Tierärzt:innen verbunden.

Wichtig ist mir dabei eine Grenze: Burden Transfer macht Tierhalter:innen nicht verantwortlich für Suizidalität in der Tiermedizin.

Es beschreibt eine von vielen Belastungsdynamiken, die wir erkennen und beeinflussen können.

60 Sekunden können reichen

Ganz ehrlich: Die Lösung kann nicht lauten:  Ab morgen führst du als Tierarzt oder TFA zusätzlich noch Trauerberatungen zwischen „zwei Impfungen“ durch. Im Gegenteil. Professionalität bedeutet auch zu erkennen, wann deine Aufgabe endet.

Die folgenden kurzen Schritte können im Alltag bereits helfen:

  1. Wahrnehmen
    „Das klingt nach einer enormen Belastung, die Sie gerade tragen.“
  2. Sortieren
    „Was ist im Moment für Sie am schwierigsten?“
  3. Begrenzen und weitergeben
    „Für diesen Teil möchte ich Ihnen jemanden empfehlen, der Sie außerhalb unserer medizinischen Versorgung begleiten kann.“

Das dauert keine Stunde, sondern höchstens 60 Sekunden und beinhaltet für dein Gegenüber und im Umkehrschluss auch für dich und deinen Beruf so viel.

Mit diesen drei kleinen Schritten wird die Verantwortung für die psychische Situation des Tierhalters nicht übernommen.

Du tust etwas anderes: Du erkennst sie an und lässt sie nicht ungefiltert bei dir liegen.

„Ich glaube, eine der gefährlichsten Vorstellungen in helfenden Berufen ist, dass Professionalität bedeutet, alles alleine aushalten zu müssen. Wir dürfen mitfühlen und berührt sein. Aber wir brauchen klare Grenzen und Menschen, an die wir weitergeben können, was nicht unsere Aufgabe ist.““

SONJA TSCHÖPE

Gute Abgrenzung bedeutet nicht weniger Mitgefühl

Genau hier liegt für mich einer der wichtigsten Denkfehler. Denn Abgrenzung bedeutet nicht, dass der gegenüberstehende Mensch mit seinen Gefühlen egal ist. Abgrenzung bedeutet vielmehr:

Ich weiß, was ich leisten kann, ohne mich selbst dabei zu verlieren und ohne meinen Kunden aufzugeben.

Für die medizinische Behandlung bleibt die Tierarztpraxis zuständig. Und darin wird sie das Tier und seinen Menschen weiter begleiten.

Für die emotionale Abschieds- und Trauerbegleitung können spezialisierte Begleiter:innen hinzukommen.

Die Herzenshelfer begleiten beispielsweise Menschen während palliativer Phasen, vor einem bevorstehenden Abschied und nach dem Tod ihres Tieres. Das kann für Praxen eine wichtige Schnittstelle sein, um nicht jede Sorge aus der Praxis mit nach Hause zu nehmen oder jedes Gespräch aufzufangen.

Weiterverweisen ist kein Abschieben. Es kann professionelle Versorgung sein.

Und wer fängt das Team auf?

Burden Transfer ist nicht einfach etwas, dem ein Praxisteam ausgeliefert ist.

Eine Studie mit tiermedizinischen Teams hat gezeigt, dass ein gezieltes Training auf Basis der Acceptance-and-Commitment-Therapie (ACT) dazu beitragen kann, Burden Transfer, Stress und Burnout zu verringern.

Das ist wichtig, weil es zeigt: Der Umgang mit emotional belastenden Gesprächen und schwierigen Situationen lässt sich lernen und trainieren.

Und genau darin steckt für mich eine der hoffnungsvollsten Erkenntnisse überhaupt: Wir müssen nicht darauf warten, bis jemand im Team nicht mehr kann. Wir können vorher Strukturen schaffen, Gespräche besser führen und lernen, Belastung nicht ungefiltert mitzunehmen.

Dazu gehören Gesprächsführung, klare Zuständigkeiten, Möglichkeiten zur Nachbesprechung und die Frage:

Wer trägt bei uns eigentlich immer die schwierigsten Fälle und wer kümmert sich danach um diesen Menschen?

Wenn „Ich kann nicht mehr“ mehr bedeutet

Nicht jeder Mensch, der erschöpft ist, ist suizidal. Aber Aussagen wie

  • „Ich will nicht mehr.“
  • „Es hat alles keinen Sinn mehr.“

oder Hinweise auf konkrete Suizidgedanken dürfen niemals relativiert werden.

Unterstützungsangebot

Der aktuelle Tagesschau-Beitrag verweist für Menschen aus dem tiermedizinischen Arbeitsbereich unter anderem auf Vethilfe, ein bundesweites vertrauliches Unterstützungsangebot. Vethilfe ist täglich von 18 bis 22 Uhr unter +49 33203 326370 erreichbar.

Die TelefonSeelsorge ist außerdem rund um die Uhr unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 und 116 123 erreichbar.

Hilfe zu holen ist an dieser Stelle keine Frage von Stärke oder Schwäche. Es ist eine Frage von Sicherheit.

ZUSAMMENGEFASST

Deine Trauer ist richtig!

Psychische Belastung in der Tiermedizin entsteht nicht durch einen einzelnen Faktor. Aber wir können einzelne Belastungsquellen erkennen und verändern und damit früher handeln, bevor aus dauerhaftem Funktionieren völlige Erschöpfung wird.

  • Deutsche Tierärzt:innen berichten deutlich häufiger Suizidgedanken und depressive Symptome als Vergleichspersonen aus der Allgemeinbevölkerung.
  • Overcommitment, Burnout, geringe erlebte Anerkennung und das Verbergen von Emotionen gehören zu relevanten beruflichen Belastungsfaktoren.
  • Caregiver Burden beschreibt die Belastung von Menschen, die ein krankes Tier versorgen.
  • Über Burden Transfer können schwierige Interaktionen auch das tiermedizinische Team belasten.
  • Tierhalter:innen sind deshalb nicht die Ursache für psychische Krisen von Tierärzt:innen – Burden Transfer ist eine von mehreren beeinflussbaren Belastungsdynamiken.
  • Gute Kommunikation heißt nicht, alles selbst aufzufangen: wahrnehmen, sortieren, weitervermitteln.
  • Gesprächsführung und der Umgang mit Burden Transfer lassen sich trainieren.
  • Bei konkreten Hinweisen auf Suizidalität braucht es professionelle Hilfe – nicht noch mehr persönliches Durchhalten.

PERSÖNLICHES ZUM SCHLUSS

Ich bin Sonja!

Sonja Tschöpe, Gründerin von Lebewohlpfote

Ich begleite seit vielen Jahren Menschen mit ihren Tieren am Lebensende. Und ich habe dabei etwas lernen müssen:

Mitgefühl braucht Grenzen, damit es bleiben kann. Und im Tierberuf bedeutet es auch, dass du die Freude und Begeisterung an deinem Handwerk nicht verlierst, auch wenn der Abschied zum Leben dazugehört.

Du darfst einem Menschen nah sein. Du darfst mitfühlen. Du darfst nach einer Euthanasie traurig sein. Aber du musst nicht zusätzlich die Angst, Schuld und Trauer jedes Menschen mit nach Hause nehmen. Gerade in einem Beruf, in dem so oft erwartet wird, dass jemand einfach weiterfunktioniert, sollten wir uns gegenseitig viel früher fragen: Wie geht es eigentlich dir mit all dem?

Und dann sollten wir die Antwort auch hören. Du möchtest genau daran mit mir arbeiten?

Ich unterstütze Tierarztpraxen und Menschen im Tierberuf dabei, schwierige Gespräche rund um schwere Diagnosen, Euthanasie, Abschied und Trauer sicherer zu führen – ohne die emotionale Verantwortung der Tierhalter:innen selbst übernehmen zu müssen. Gemeinsam können wir Gesprächsgrenzen, Weiterverweisungswege und Strukturen entwickeln, die zu eurem realen Praxisalltag passen.

Wenn du merkst: Darüber müssten wir in unserem Team einmal sprechen – dann lass uns genau dort anfangen.

Deine Sonja

Gründerin der Lebewohlpfote und Mensch mit Herz

Icon: Ausbildung und Coaching für Fachkräfte

← Mehr über Sonja

Ich richte hier ganz bewusst einen Scheinwerfer auf das, worüber die meisten lieber schweigen.

Auf den Tiertod. Auf die Trauer um ein „nur ein Tier“. Auf den Schmerz, der so oft mit einem schnellen „Hol dir doch ein neues“ weggewischt wird. Aber dieses Tier war kein „nur“. Es war dein Gefährte. Ein Familienmitglied. Ein Stück deines Zuhauses.

Die Sterbe- und Trauerbegleitung von Tieren und ihren Menschen ist in meiner tierischen Berufung zu meinem Herzensthema geworden. Hier auf dem Blog schenke ich dir Texte, die dir Halt geben sollen, wenn alles um dich herum im Nebel verschwindet. Wie ein Leuchtfeuer, das dir Richtung gibt, auch wenn du gerade noch keine Kraft hast, selbst zu leuchten.

Du kennst jemanden, dem dieser Artikel helfen könnte? Dann stups ihn liebevoll darauf. Trauernde fragen selten nach Hilfe. Aber sie spüren, wenn jemand an sie denkt.

Dir hat dieser Blogartikel gefallen?
Teile ihn sehr gerne im Social Media oder setze den Link mit Quellenangabe ©Lebewohlpfote.de – Sonja Tschöpe auf deine Website.

Herzlichen Dank für deinen Support.


Bildhinweis: Das für die Social-Media-Vorschau verwendete Beitragsbild wurde mit KI erstellt.

©Lebewohlpfote - Sonja Tschöpe